WOHNZIMMERGRUEN _de

 

WOHNZIMMERGRÜN

Wenn man dramatische Spiele mit etwas Abstand sieht und photographiert, entfalten sie eine fast meditative Wirkung.

Während wichtiger Spiele herrscht in den Straßen eine besondere Atmosphäre. Die Städte sind meist wie ausgestorben. Autos oder Fußgänger sind kaum zu sehen - nur in der Pause, man führt kurz den Hund aus, holt Zigaretten, raucht auf dem Balkon.

Ich mochte schon immer solche Abende, die fast schon verlassene Stimmung genießen - unterwegs auf der Autobahn, die eigenartige Komplizenschaft mit anderen Weggefährten.

Bei einem Freundschaftsspiel im Vorfeld der Fußball-Europameisterschaft 2012 ging ich abends durch die Straßen. In den Fenstern sah ich Grün. Die LED-Bildschirme lassen erkennen, ob die Menschen in ihren Häusern Fußball schauen. Denn der Rasen des Spielfelds leuchtet ihre Wohnzimmer mit seiner Farbe aus. Beim regulären Fernsehprogramm sieht das ganz anders aus, es schimmert blau oder blitzt rot.

In der Nachkriegszeit herrschte sogar lange grau vor. Bei der Fußball-Weltmeisterschaft 1974 in Deutschland wurde zum ersten Mal das gesamte Turnier im Farbfernsehen übertragen.

Während der Europameisterschaft 2012 und der Weltmeisterschaft 2014 zog ich mit Kamera und Stativ durch die Straßen, meist zur zweiten Halbzeit, damit es dunkel genug war, und hielt nach grünen Fenstern Ausschau. Man muss schon ein bisschen suchen, denn helles Licht im Raum oder an der Fassade schluckt das grüne Licht. Während der Pause oder wenn die Zuschauerränge eingeblendet werden, erscheint nur das übliche bläuliche Fernsehlicht.

In meiner künstlerischen Arbeit untersuche ich den urbanen Raum. Dabei interessiert es mich, anhand von Architektur, von Gebäuden, von Wohnräumen die Spuren vom Zeitgeschehen sichtbar zu machen.

Die Serie habe ich WOHNZIMMERGRÜN genannt, weil mich die Doppeldeutigkeit des Titels, welche sich in den Zimmerpflanzen im Wohnzimmerfenster wiederfindet, amüsiert. Die Photos entstanden überwiegend in Karlsruhe, außerdem in Landau, Freiburg und Berlin.

Ich photographierte in unterschiedlichen Stadtteilen, ein Querschnitt verschiedener Häuser und Gesellschaftsschichten, die beim Fußballschauen wiederum durchs Grün miteinander verbunden sind.

Ich wollte das Thema Fussball anders beleuchten. Keine Spielszenen, keine begeisterten Fans, kein Public Viewing, sondern nur der distanzierte Blick auf ein dramatisches Geschehen. Mich hat der Kontrast fasziniert zwischen der Farbe der Hoffnung auf den stillen Fassaden und möglichen den Abgründen, die sich hinter den WOHNZIMMERGRÜN auftun.

Von den Rissen der Fassade in der internationalen Fußballwelt ganz abgesehen.

Works